Sie sehen im folgenden einige Aussagen über das Imperfekt, die handelsüblichen Grammatiken entnommen wurden, zum Beispiel dem Duden. Nehmen Sie Stellung zu diesen Aussagen und vergleichen Sie sie mit der Antwort.

Übung 14
Aussage I: Duden, Die Grammatik, Mannheim 1995, Seite 148
"Das Präteritum wird immer dann gewählt, wenn ein Geschehen (eine Handlung) im Sprechzeitpunkt vergangen und abgeschlossen ist und in diesem Sinne der Vergangenheit angehört:
Gestern regnete es. Vor hundert Jahren wurde der Kölner Dom vollendet. Goethe beschäftigte sich jahrelang mit der Farbenlehre. Kolumbus entdeckte Amerika."
1) Entscheidend in der Beschreibung des Imperfektes nach der Duden Grammatik ist das Wort "abgeschlossen". Handelt es sich bei den in den Beispielsätzen des Duden beschriebenen Ereignissen um "abgeschlossene" Handlungen?
Antwort: Bei all diesen Sätzen dauert die Handlung nicht mehr an, der erste Satz suggeriert, dass es jetzt nicht mehr regnet, der zweite beschreibt ein konkretes Ereignis, nämlich den Moment, als der Kölner Dom vollendet wurde, Goethe beschäftigt sich jetzt nicht mehr mit der Farbenlehre, denn er ist 1833 gestorben und der letzte Satz beschreibt ein punktuelles Ereignis, den Moment nämlich, als Kolumbus eine der Inseln der Bahamas betrat. Als vollendet bezeichnet der Duden also ein Ereignis oder eine Handlung, die nicht mehr andauert. Die Frage, die sich jetzt stellt, ist, ob die Beispiele des Duden geschickt sind und ob nicht andere Beispiele auch eine andere Definition des Imperfektes erzwingen würden.
2) Wenn, worauf die Beispielsätze des Duden schließen lassen, eine abgeschlossene Handlung eine Handlung ist, die, nicht mehr andauert, sind dann diese Sätze falsch?
Als ich ihn zum letzten Mal sah, arbeitete er noch in Sindelfingen.
Es war ein hübsches Dorf.
Er redete über Dinge, von denen er keine Ahnung hatte.
Dauern diese Handlungen noch an oder nicht? Sind sie im Sinne des Duden vollendet oder nicht?
Antwort: Diese Sätze sind richtig, auch wenn sie nach der Duden Grammatik falsch sind. Zum Imperfekt haben wir gar keine Alternative, aber die Handlungen oder Ereignisse sind nicht vollendet. Wir wissen nicht, ob er jetzt noch in Sindelfingen arbeitet und wir wissen auch nicht, ob das Dorf jetzt noch hübsch ist, genauso wenig wissen wir, ob er jetzt immer noch über Dinge redet, von denen er keine Ahnung hat. Schließen wir uns den Aussagen der Duden Redaktion an, haben wir gleich zwei Probleme. Erstens wäre die deutsche Sprache dann nicht mehr in der Lage, die Realität zu beschreiben, wir müssen nämlich ziemlich oft Handlungen oder Ereignisse beschreiben, von denen wir entweder nicht wissen, ob sie noch andauern, oder es gar nicht wissen wollen. Und zweitens, und das ist für uns im Moment noch viel schlimmer, wir würden das deutsche Imperfekt als vom Imperfekt der romanischen Sprachen und des Englischen fundamental verschieden begreifen, was uns das Verständnis des Zeitensystems der romanischen Sprachen erschweren würde. Der Deutsche Imperfekt beschreibt auch Handlungen, die an den Rändern ausfransen, die eben nicht vollendet sind, von denen wir schlicht nicht wissen, ob sie vollendet sind oder nicht und die Aussage des Duden ist falsch.
Aussage II: Herwig Krenn, Italienische Grammatik, 1996, Ismaing, Seite 169
"Den drei italienischen Tempora stehen nur zwei deutsche Tempora gegenüber. Hinzu kommt noch, dass der Gebrauch des deutschen Imperfektes(Präteritum) und Perfekts grundsätzlich anders geregelt ist als der Gebrauch der drei deutschen italienischen Vergangenheitstempora. Das Imperfekt und das Perfekt lassen sich im Deutschen fast immer austauschen."
1) Trifft diese Aussage zu, wenn wir diese Sätze nehmen, sind hier Perfekt und Imperfekt gegeneinander austauschbar, sind sowohl a) als auch b) möglich.
a) "Oh, wie schön", sagte sie als sie den Vorhang zurückzog, "es hat geschneit".
b) "Oh, wie schön", sagte sie als die den Vorhang zurückzog, "es schneite".
a) Wir haben gerade eben sauber gemacht, lauf jetzt nicht mit deinen dreckigen Schuhen durch die Küche!
b) Wir machten gerade eben sauber, lauf jetzt nicht mit deinen dreckigen Schuhen durch die Küche!
Antwort: Die Aussage ist nicht wirklich falsch, weil sie ja einschränkt (..fast..), aber sie ist eben auch nicht richtig richtig, denn es ist wohl jedem klar, dass jeweils nur a) richtig ist und b) merkwürdig klingt. Problematischer ist dieser Ansatz aber vor allem deshalb, weil er suggeriert, dass wir im Italienischen ein fundamental anderes System haben, was nicht zutrifft. Es gibt einen Bereich, wo das Imperfekt und das Perfekt gegeneinander substituierbar sind, es gibt aber auch einen Bereich, wo sie das eben nicht sind und wenn dieses Substitution nicht möglich ist, erkennen wir, dass das deutsche Imperfekt dem Italienischen imperfetto, das deutsche Perfekt dem passato prossimo ähnelt. Von einem vollkommen anderen System könnte man dann sprechen, wenn die Aspekte, die für das Italienische eine Rolle spielen, im Deutschen keine Rolle spielten oder wenn im Deutschen ganz andere Aspekte wie im Italienischen zu berücksichtigen wären, dem ist aber nicht so und genau das suggeriert die Aussage "grundsätzlich anders geregelt". Grundsätzlich anderes geregelt ist gar nichts, es wird nur im Italienischen konsequent umgesetzt, was im Deutschen angelegt ist. Von einer grundsätzlichen anderen Regelung kann man nur bei Handlungsketten sprechen (er kam, sah und siegte) hier verwendet das Deutsche das Imperfekt. Im Hinblick auf alle anderen Funktionen (ausfransen an den Rändern, Wiederholung, Grundhandlung etc.) ist das Italienische nur konsequenter, aber nicht grundsätzlich anders.
Aussage III: Auch das deutsche unterscheidet tendenziell zwischen Imperfekt und Perfekt, der Unterschied ist aber nur in kritischen Situationen relevant.
Halten Sie es für didaktisch sinnvoll, das deutsche Zeitensystem als ein System darzustellen, dass völlig anders funktioniert, als das Zeitensystem der Sprachen, die üblicherweise gelernt werden (Englisch, Französisch, Spanisch und auch Italienisch) ?
Antwort: Also, was ist das Problem? Das Zeitensystem der romanischen Sprachen erscheint vielen Leuten als Metaphysik für Fortgeschrittene, es gibt sogar Lehrer, die der Meinung sind, dass dieses System nur von Muttersprachlern beherrscht werden kann (Wir deuten hier mal eine Problematik an, die wir später auf breiter Front nochmal aufrollen werden). Ein Teil des Problems hängt damit zusammen, dass man das Zeitensystem der romanischen Sprachen so darstellt, als handelte es sich um ein System, das völlig anders funktioniert. Didaktisch sinnvoller wäre der umgekehrte Weg. Es ist sinnvoller herauszustreichen, dass auch das Deutsche in kritischen (sagen wir mal didaktisch geschickten) Beispielen ganz ähnliche Unterscheidungen trifft. Wenn Sie erfühlen wollen, was ein italienisches Ohr spürt, wenn die Zeiten vertauscht werden, können Sie die Sätze b) nehmen, so hört sich das auch für einen Italiener an, wenn die Zeiten verdreht werden. Weiter läßt sich anhand dieser kritischen Situationen zeigen, wie das Italienische funktioniert. Didaktisch sinnvoller ist also der umgekehrte Weg. Die Ähnlichkeiten sollte man aufzeigen, nicht die Unterschiede. Wir kommen aber auf das Thema zurück.