Bevor wir uns nun der Bildung der Vergangenheitszeiten im Italienischen widmen, ist es sinnvoll, mit einer weiteren, weit verbreiteten Irrlehre aufzuräumen. Inhaltlich haben wir mit der korrespondierenden Zeit im Italienischen, dem trapassato prossimo, keine Probleme, denn hier bestehen zwischen dem Italienischen und dem Deutschen keine Unterschiede. Falsch ist nur die Beschreibung des Plusquamperfektes in den Grammatiken. Sie finden dort die Bemerkung, dass das Plusquamperfekt immer dann benutzt wird, wenn ein Ereignis der Vergangenheit zu schildern ist, das vor einem anderen Ereignis der Vergangenheit eingetreten ist. Das ist natürlich Blödsinn, denn in einer Handlungskette gibt es immer ein Ereignis, das vor dem anderen stattgefunden hat.

Sie verliebten sich, heirateten, kauften sich einen Wohnzimmerschrank und die dazu passenden Polstermöbel, langweilten sich und ließen sich wieder scheiden.

Es ist nun klar, dass sich verlieben ein Vorgang ist, der in der Vorvergangenheit stattgefunden hat, allerdings sehen wir absolut keine Notwendigkeit, das Plusquamperfekt zu verwenden. Was also erzwingt tatsächlich das Plusquamperfekt, bzw. das trapassato prossimo? Bei den folgenden Sätzen ist a) jeweils richtig und b), da werden wir uns wohl einig, nicht richtig. Es sind Beispiele, wo das Plusquamperfekt stehen MUSS.

1) Das Plusquamperfekt muss stehen, wenn die Handlungen nicht in der chronologischen Reihenfolge erzählt werden
a) Sie wussten nicht mehr, wo sie waren, sie waren zwei Stunden im Kreis herumgelaufen.
b) Sie wussten nicht mehr, wo sie waren, sie liefen zwei Stunden im Kreis herum.

Hier muss die semantische Stärke des Plusquamperfektes ausgenutzt werden. Unter semantischer Stärke verstehen wir die Tatsache, dass das Plusquamperfekt tatsächlich etwas Inhaltliches, nämlich Vorzeitigkeit, ausdrücken kann. Es kann also die Tatsache, dass die Ereignisse entgegen der chronologischen Reihenfolge berichtet werden, korrigieren. Es ist wohl jedem klar, dass a) und b) nicht das gleiche bedeuten. Bei b) wussten sie nicht mehr wo sie waren und liefen dann zwei Stunden im Kreis herum. Bei a) liefen sie zuerst zwei Stunden im Kreis herum, bis die Verwirrung komplett war.

2) Das Plusquamperfekt muss stehen, wenn die eine Handlung die logische Konsequenz der anderen Handlung ist
a) Sein Auto war kaputt gegangen, so dass er es stehen lassen musste.
b) Sein Auto ging kaputt, so dass er es stehen lassen musste.

Hier werden die Ereignisse zwar in der chronologisch richtigen Reihenfolge dargestellt, aber das Imperfekt kann nicht stehen. Das ist eigentlich interessant, weil man sich fragen kann, warum es eigentlich nicht stehen kann. Wie oben bereits diskutiert, hat das Imperfekt im Deutschen zwei Funktionen: Es drückt das Aufeinanderfolgen von Handlungen aus und die Parallelität von Handlungen. Die zweite Funktion wird eliminiert, wenn ein Vorverständnis des Alltags es nicht erlaubt, die Ereignisse als parallel verlaufend aufzufassen. Das ist hier aber nicht der Fall, so dass latent das Imperfekt auch die Parallelität ausdrückt, was ja aber wiederum logisch überhaupt keinen Sinn macht (möglich wäre so was:"Sein Auto ging immer wieder kaputt, so dass er es immer wieder stehen lassen musste"), so dass wir eine Zeit wählen müssen, die die Vorzeitigkeit eindeutig ausdrückt.

3) Das Plusquamperfekt muss stehen, wenn es sich um eine vollendete Handlung in der Vergangenheit handelt, und die Tatsache, dass die Handlung abgeschlossen ist, ein wesentlicher Bestandteil der Aussage ist.
a) Er hatte den Brief schon geschrieben, aber er schickte ihn nicht ab.
b) Er schrieb den Brief schon, aber er schickte ihn nicht ab.
4) Das Plusquamperfekt steht, wenn es wesentlich darauf ankommt, dass eine Handlung in der Vorvergangenheit abgeschlossen war, bevor eine andere Handlung einsetzte.
a) Er hatte das Buch nicht gelesen, redete aber darüber, als ob er es gelesen hätte.
b) Er las das Buch nicht, redete aber darüber, als ob er es gelesen hätte.

Die Fälle 3) und 4) sind im Grunde sehr ähnlich. Hier kann das Plusquamperfekt nicht durch das Imperfekt ersetzt werden, weil es auf die Vollendung der Handlung wesentlich ankommt. Das Imperfekt suggeriert eine Gleichzeitigkeit, die aber aus logischen Gründen ausgeschlossen ist. Wer will kann hier noch einen anderen interessanten Aspekt entdecken. Auch beim deutschen Imperfekt franst, ganz wie im Italienischen, die Handlung an den Rändern aus, Anfang und Ende der Handlung ist unbestimmt ("Das Bild hing an der Wand". Wir wissen nicht, ab wann es da hängt und wie lange, es interessiert nicht und wird nicht geschildert.). Genau dies, dass die Unbestimmtheit beim Imperfekt latent mitschwingt, führt dazu, dass es nicht verwendet werden kann, wenn die Abgeschlossenheit wesentlicher Bestandteil der Aussage ist. Wir sehen also durch die Hintertür, dass das deutsche Imperfekt vom italienischen Imperfetto gar nicht so weit entfernt ist, wie es überall beschrieben wird.

So, lassen wir das jetzt erstmal stehen und beschäftigen uns mit der Bildung des imperfetto, passato prossimo und trapassato prossimo. Es fehlt uns dann noch der passato remoto. Alle Zeiten zusammen schauen wir uns an, nachdem wir mit der Bildung dieser Zeiten vertraut sind.