Imperfekt
-Beschreibt Handlungen, deren Ende und Anfang nicht interessiert, die also sozusagen an den Rändern ausfransen.
=> Er war reich, aber zu fett.
-Handlungen, die sich in der Vergangenheit regelmäßig wiederholten.
=> Sonntags gingen sie immer in die Kirche und anschließend nach Hause, wo sie, begleitet vom Ticken der schweren Standuhr, schweigend ihren Sonntagsbraten aßen.
- Grundhandlungen, die durch eine andere Handlung unterbrochen wurden.
=> Sein Herz ruhte friedlich eingebettet in einem ruhigen Einfamilienhaus, bis er Maria traf.
- Handlungen, die parallel zueinander verlaufen.
Handlungen, die parallel zueinander verlaufen, müssen zwei Bedingungen erfüllen. Sie dürfen erstens nicht punktuell sein und zweitens müssen sie an den Rändern ausfransen, wobei das eine das andere bedingt. Eine punktuelle Handlung franst nicht aus, sie hat ein Ende, zu einer punktuellen Handlung kann eine andere Handlung nicht parallel laufen, ein Satz wie "Während das Auto gegen die Wand knallte, las er ein Buch" ist absurd, weil man kaum mehrer Seiten eines Buches lesen kann, während ein Auto gegen die Wand knallt. Wäre dem so, hätte wir keine Verkehrstoten. Nur andauernde Handlungen können parallel zueinander verlaufen.
=> Er las ein Buch, während sie schlief.
Perfekt
- Das Perfekt wird dann verwendet, wenn die Auswirkungen einer Handlungen der Vergangenheit für die Gegenwart noch spürbar sind.
Man kann auch noch den widerspenstigsten Leser von der Wahrheit dieser Aussage überzeugen, wenn man didaktisch geschickt gewählte Beispiele nimmt.
=> a) Ich habe meinen Geldbeutel verloren.
=> b) Ich verlor meinen Geldbeutel.
=> c) Ich hatte meinen Geldbeutel verloren.
Die Sätze a), b) und c) bedeuten nicht das Gleiche. Bei a) sind die Auswirkungen eines Ereignisses der Vergangenheit noch deutlich spürbar, denn er hat den Geldbeutel nicht mehr. b) würde der Deutsche eher nicht sagen, denn hier schwingen die Grundbedeutungen des Imperfektes zu stark mit, möglich wäre "Ich verlor ständig meinen Geldbeutel", dann würde die das Adverb "ständig" den Imperfekt unterstützen, aber so schwingen Bedeutungen mit, zu denen sich kein passender Kontext denken lässt. Bei c) hat er seinen Geldbeutel wieder, es wird eine Handlung beschrieben, die für die Gegenwart keine Bedeutung hat.

Es ist erstmal klar geworden, dass sich das Imperfekt vom Perfekt im Grunde fundamental unterscheidet, eigentlich auch im Deutschen. Der Unterschied zwischen dem Italienischen und dem Deutschen besteht in Folgendem. Im Deutschen zeigt sich der Unterschied nur in kritischen Situationen, im Italienischen immer. Wir haben oben den Kontext beschrieben, in welchem der Imperfekt bzw. das Perfekt zu verwenden ist. Im Prinzip ist das dort Gesagte für beide Sprachen richtig, allerdings ist das Italienische hier konsequenter. Es gibt im Italienischen keinen Kontext, wo das Imperfekt das Perfekt, das Perfekt das Imperfekt vertreten kann.

Sie finden oft die Behauptung, dass sich das deutsche Imperfekt vom Imperfekt der romanischen Sprachen fundamental unterscheidet. Diese Aussage ist, wie wir gesehen haben, falsch. Schauen wir uns das deutsche Imperfekt genauer an, dann stellen wir fest, dass alle Funktionen des Imperfektes der romanischen Sprachen auch im deutschen Imperfekt angelegt sind, die Teutonen aber nur in kritischen Situationen differenzieren. Egal wo Sie lesen, dass das Imperfekt der romanischen Sprachen sich fundamental vom Imperfekt des Deutschen unterscheidet, die Aussage ist falsch. Wer das behauptet, hat über das deutsche Imperfekt noch nie ernsthaft nachgedacht. Wir werden später noch sehen, dass auch die Duden Redaktion über das deutsche Imperfekt noch nie richtig nachgedacht hat und finden das bedauerlich, denn es erschwert das Verständnis der Zeitensysteme anderer Sprachen und dient somit nicht der Völkerverständigung. Wir finden auch das Vorgehen der Schulen und die dort zu findenden Bemerkungen über das deutsche Zeitensystem bedauerlich und didaktisch unsinnig. Bedauerlich, weil sie falsch sind und unsinnig, weil über das deutsche Imperfekt sinnvoll nur nachgedacht werden kann, wenn es mit dem System anderer Sprachen verglichen wird. Auch wenn der Günther Dingsbums in seinem Quiz Dingsda das anders sieht, Bildung muss einen Zugang zur real existierenden Welt bieten, Infomüll brauchen wir nicht. Nun aber zum pragmatischen Teil, der Bildung. Wir werden uns später nochmal mit der Verwendung beschäftigen.