Betrachten wir einmal diese zwei Sätze.

a)
X: Hast du schon gegessen?
Y: Ja, ich habe gerade gefrühstückt
b)
X: Hast du schon gegessen?
Y: Ja, ich frühstückte gerade.

Bei diesen Beispielen würden wohl die meisten Deutschen sagen, dass a) richtiger ist als b), oder sogar dass b) schlicht falsch ist. (Wer das jetzt nicht findet, muss warten bis wir das Thema breiter aufrollen, das machen wir später. Später kommt dann die Variante "Wie man mit dem Hammer philosophiert", dann werden wir uns einig.) Bei diesen didaktisch geschickt gewählten Beispielen, spürt auch der Teutone, dass das Perfekt und das Imperfekt in unterschiedlichen Kontexten verwendet werden und dass bei b) irgendwas schief läuft. Durch den Satz b) kann der Teutone mal nachfühlen, was der Italiener fühlt, wenn die Zeiten vertauscht werden. Das Problem ist, dass es dem Teutonen normalerweise egal ist (Ich schrieb ihm gestern einen Brief <=> Ich habe ihm gestern einen Brief geschrieben) und er nur bei didaktisch geschickt gewählten Beispielen einen Unterschied merkt. Die Sätze oben haben insofern einen Nährwert, als sie deutlich machen, dass das Deutsche in bestimmten kritischen Situationen die gleichen Unterscheidungen trifft wie das Italienische (und alle anderen romanischen Sprachen), wobei die kritischen Situationen aber nur auftreten, wenn jemand aus didaktischen Gründen entsprechende Beispiele bastelt. Verstehen wir aber, warum Satz b) schief klingt, verstehen wir auch, wie das Italienische funktioniert. Aber was ist eigentlich falsch an dem Satz b)? Generell wird eine solche Frage ja gestellt, wenn irgendjemand wissen will, ob man Hunger hat und hat man Hunger, wird der / die andere wohl irgendwo was zum Happern organisieren. Das heißt, die Frage, ob man schon gegessen hat, zielt unmittelbar auf einen Zustand in der Gegenwart. Hat man was gegessen, hat man keinen Hunger und umgekehrt umgekehrt. Und das tut nun mal das Perfekt. Das Perfekt stellt, und bei didaktisch geschickten Beispielen ist das spürbar, einen engen Zusammenhang her zwischen einem Ereignis in der Vergangenheit und einem Zustand in der Gegenwart. Das Imperfekt tut dies aber nicht. Das Imperfekt macht alles mögliche, nur eben gerade das nicht.

Verwendung des Imperfekts im Deutschen
..es bezeichnet Handlungen, die an den Rändern ausfransen, deren Anfang und Ende unbekannt ist oder nicht interessiert (Als ich ihn das letzte Mal sah, lebte /nicht: hat gelebt/ er noch in Italien. => wir wissen nicht, seit wann er da lebt und ob er da jetzt noch lebt),
...es beschreibt aufeinanderfolgende Ereignisse (Sie verliebten sich, heirateten, fingen an sich auf die Nerven zu gehen und ließen sich wieder scheiden; nicht: Sie hatten sich verliebt, hatten geheiratet...)
...es beschreibt die Parallelität von Hintergrundhandlungen (die Kuckucksuhr tickte, der Straßenverkehr summte wie ein emsiger Bienenschwarm, als das Sofa plötzlich mit einem lauten Krach auseinanderfiel; nicht: Die Kuckucksuhr hat getickt, der Straßenverkehr hat gesummt...)
... und eine Menge andere Dinge, doch eines macht es nicht, es stellt keinen Bezug zur Gegenwart her.

Was im Deutschen aber nicht konsequent durchgehalten wird, wird in den romanischen Sprachen sehr konsequent durchgehalten und verwenden Sie die Zeiten unachtsam in Teutonenmanier, dann klingt das für den Italiener wie der oben genannte Satz b). Satz b) klingt schief, weil die Bedeutung einer Handlung für die Gegenwart offensichtlich ist, das Imperfekt aber diesen engen Bezug zur Gegenwart eher verneint. Dadurch "beißt" sich das dann und klingt schief. Taucht das Adverb gerade auf, dass ja zwei Bedeutungen haben kann, zum einen bezeichnet es eine sich im Verlauf befindliche Handlung,

"Er las gerade ein Buch, als es klingelte"
und zum anderen ein Handlung, die unmittelbar vor der Gegenwart des Sprechers endete
"Ich habe es ihm gerade eben gesagt"

sind wir auf den semantischen, bedeutungstragenden, Wert des Imperfektes, bzw. des Perfektes angewiesen. Das Adverb gerade beschreibt in Verbindung mit dem Imperfekt eine sich im Prozess befindliche Handlung in der Vergangenheit, in Verbindung mit dem Perfekt eine Handlung, die unmittelbar vor der Gegenwart des Erzählers endete. Aber wie gesagt, wir brauchen im Deutschen didaktisch geschickt gewählte Beispiele, in den romanischen Sprachen nicht. Es ist, in einem gegebenen Kontext, immer nur die eine oder die andere Zeit möglich. Wir lassen das jetzt erstmal auf sich beruhen und kommen später ausführlich darauf zurück. Wir beschäftigen uns jetzt erstmal mit der Bildung des Imperfektes. Es reicht jetzt erstmal, wenn Ihnen klar ist, dass das Imperfekt im Italienischen in einem anderen Kontext verwendet wird als das Perfekt. Bevor wir uns mit der Bildung beschäftigen, nochmal kurz eine Gegenüberstellung des Imperfektes und des Perfektes. Die Unterscheidungen gelten im Deutschen nur in speziellen Fällen und tendenziell, im Italienischen und allen anderen romanischen Sprachen sowie auch im Englischen jedoch immer.