Es ist noch die Frage zu klären, ob das passato prossimo eine Gegenwartszeit ist oder eine Vergangenheitszeit. Wir kennen in den romanischen Sprachen zwei Systeme. Auf der einen Seite das Spanische, wo zwischen indefinido (passato remoto) und pretérito perfecto (passato prossimo) noch klar getrennt wird. Das indefinido wird verwendet, wenn ein abgschlossener Vorgang in abgeschlossener Vergangenheit zu schildern ist, das pretérito perfecto, wenn ein Ereignis zu schildern ist, welches sich in dem Zeitraum ereignet hat, in dem sich auch der Sprecher befindet und / oder die Konsequenzen dieses Ereignisses noch spürbar sind.

indefinido: Abgeschlossene Handlung in abgeschlossener Vergangenheit
Ya se lo dije ayer.
Ich habe es ihm gestern gesagt.
Vivimos ahí un par de años pero después por el trabajo nos mudamos a otro sitio.
Wir haben da eine zeitlang gelebt, aber dann sind wir wegen der Arbeit an einen anderen Ort gezogen.
pretérito perfecto: Das Ereignis hat sich im selben Zeitraum ereignet, in dem sich auch der Sprecher befindet.
Le he visto hoy por la mañana, pero no sé donde está ahora.
Ich habe ihn heute morgen gesehen, aber ich weiß nicht, wo er jetzt ist.
pretérito perfecto: Das Ereignis hat Konsequenzen bis in die Gegenwart des Sprechers
No te lo puedo explicar, yo no lo he comprendido tampoco.
Ich kann es dir nicht erklären, ich habe es auch nicht verstanden.

Im Spanischen ist also das pretérito perfecto eine Gegenwartszeit und eine Neujustierung der Zeiten im Rahmen der Zeitenfolge ist nicht nötig, bzw. falsch.

Auf der anderen Seite haben wir das Französische, bei dem das passé simple (passato remoto) heute ausschließlich in der gehobenen Schriftsprache verwendet wird und durch das passé composé (passato prossimo) ersetzt wurde. Das passé composé hat also im heutigen Standardfranzösisch zusätzlich zu seinen Grundfunktionen auch noch alle Funktionen des passé simple übernommen. Alle Beispiele oben stehen also in der französischen Standardsprache im passé composé. Die Trennung, die im Spanischen gemacht wird, wird im Französischen nicht mehr gemacht. (In der Literatur allerdings finden sie die Trennung häufig.)

Da das passé composé die Funktionen des passé simple übernimmt, ist im Französischen das passé composé eine Vergangenheitszeit und die Zeiten sind im Rahmen der Zeitenfolge neu zu justieren, wenn das einleitende Verb der mentalen Durchdringung im passé composé steht. Es ist also anders, als im Spanischen.

Im Italienischen entspricht die Situation weder dem Spanischen, noch dem Französischen. Sowohl das passato prossimo wie auch das passato remoto sind VERGANGENHEITSZEITEN und zwar unabhängig davon, ob das passato remoto genutzt wird oder nicht. Steht als das einleitende Verb der mentalen Durchdringung in einer im passato remoto oder im passato prossimo, dann rücken alle Zeiten, bis auf das imperfetto, um eine Zeitstufe nach hinten. Das Futur wird bei beiden Zeiten zu einem condizionale II.