Über die Zeitenfolge haben wir uns sporadisch schon öfter unterhalten, zum Beispiel im Kapitel über Konjunktionen, ohne bislang näher auf die Problematik einzugehen. Vorweg geschickt sei, dass wir hier einen didaktischen Ansatz wählen, der von allen anderen Grammatiken abweicht, was wir auch gut begründen können.

Das Problem der Zeitenfolge taucht an zwei unterschiedlichen Stellen auf. Zum einen taucht dieses Problem auf, wenn jemand erzählt, berichtet, sagt etc. was ein anderer erzählt, berichtet, sagt, also in der indirekten Rede.

Er sagte: "Ich glaube, Maria kommt nicht."
a) Er sagte, dass Maria nicht kommen würde.
b) Er sagte, dass Maria komme.
c) Er sagte, dass Maria gekommen sei.

Die Darstellung der chronologischen Abfolge der Ereignisse in der indirekten Rede oder nach Verben der mentalen Durchdringung, darüber reden wir gleich, ist nicht gerade das, wo das Deutsche zur Höchstform aufläuft, genauer gesagt, das Deutsche kann nur unscharf klären, ob die berichteten Ereignisse vor-, gleich- oder nachzeitig zum Berichtszeitraum stattgefunden haben. In diesen Beispielen würden die meisten Deutschen vermuten, dass das Ereignis a) nachzeitig zum Berichtszeitraum ist, das Ereignis b) gleichzeitig und das Ereignis c) vorzeitig. Wir werden weiter unten darauf zurückkommen.

Zweitens begegnet uns das Problem der Zeitenfolgen auch bei Verben der mentalen Durchdringung, also wenn ein Ereignis vorgestellt, imaginiert, befürchtet, erhofft etc. wird.

a) Er fürchtete, dass sie gekommen wäre.
b) Er fürchtete, dass sie käme.
c) Er fürchtete, dass sie kommen würde.

Wir haben das gleiche Problem. Die chronologische Abfolge der Ereignisse muss dargestellt werden. Auch wenn das Deutsche hier nicht wirklich zur Höchstform aufläuft, kann man aber a) so verstehen, dass das befürchtete Ereignis vorzeitig, bei b) gleichzeitig und bei c) nachzeitig zu dem Moment auftritt, in dem es befürchtet wird. Die Logik bzw. das Problem ist das gleiche bei der indirekten Rede und bei Verben der mentalen Durchdringung. In allen Lehrbüchern werden diese zwei Phänomene als unterschiedliche Sachverhalte geschildert, dies ist falsch, es ist derselbe Sachverhalt, diese Phänomene getrennt zu behandeln ist didaktischer Unsinn und verwirrend. Höchstens im Deutschen kann man diese zwei Sachverhalte als zwei unterschiedliche Phänomene betrachten, denn die indirekte Rede verlangt den Konjunktiv, aber nicht alle Verben der mentalen Durchdringung.

a) Sie sagten, dass wir das Geld gestohlen hätten.
b) Sie wussten, dass wir das Geld gestohlen hatten.

Bei a), der indirekten Rede, haben wir einen Konjunktiv ("hätten"), bei b), verlangt das einführende Verb der mentalen Durchdringung, wissen, den Indikativ ("hatten"). Allerdings ist das Bild im Deutschen sehr durchmischt, die Darstellungen in den Grammatiken dubios, die Fackel der Erkenntnis konnte hier die Tiefen der germanischen Seele noch nicht ausleuchten. Es gibt nämlich auch Verben der mentalen Durchdringung, die den Konjunktiv verlangen, zumindest in der Vergangenheit.

c) Sie befürchteten, dass wir das Geld gestohlen hätten.
nicht: Sie befürchteten, dass wir das Geld gestohlen hatten.

Im Präsens, und hier offenbart sich der tief romantische Charakter unserer germanischen Vorfahren, die sich in den finsteren Wäldern Germaniens ein System erdachten, das den unter der Sonne des Logos blühenden Völkern Roms immer fremd bleiben wird, verlangt das gleiche Verb den Indikativ.

d) Sie befürchten, dass er kommt.
nicht: Sie befürchten, dass er komme.

Besonders Pfiffige meinen jetzt, dass bei c) der Konjunktiv steht, weil eine Irrealität beschrieben wird, der Eintritt der Handlung zwar befürchtet, aber nie stattgefunden hat. Dem ist aber nicht so. Das Verb befürchten erzwingt im Imperfekt den Konjunktiv (im Gegensatz zum Präsens, wo es den Indikativ verlangt) und zwar völlig unabhängig davon, ob das befürchtete Ereignis nun tatsächlich eingetreten ist oder nicht.

e) real eingetreten: Sie befürchteten, dass er das Geld gestohlen hätte, was auch tatsächlich der Fall war.
f) nicht eingetreten: Sie befürchteten, dass er das Geld gestohlen hätte, was aber nicht der Fall war.

Nimmt man es also ganz genau, dann handelt es sich bei der Zeitenfolge bei Verben der mentalen Durchdringung und bei der indirekten Rede auch im Deutschen nicht um zwei verschiedenen Phänomene, die indirekte Rede ist ein Spezialfall der Zeitenfolge oder Consecutio Temporum im Allgemeinen. Das Deutsche ist aber, Gott sei' s getrommelt und gepfiffen, im Moment gar nicht unser Thema. Wer mehr über die Irrungen und Wirrungen der Deutschen Sprache erfahren will, der sei auf die Schwesterseite dieser Seite verwiesen, auf die www.franzoesisch-lehrbuch.de.

Hinsichtlich des Italienischen ergibt sich folgende Situation. Die indirekte Rede verlangt im Italienischen und in keiner anderen romanischen Sprache den Konjunktiv, also den congiuntivo. Allerdings gibt es in allen romanischen Sprachen Verben der mentalen Durchdringung, die den congiuntivo verlangen, wobei es aber, darüber haben wir bereits gesprochen, nicht so ist, dass jedes Verb, dass in der einen romanischen Sprache den congiuntivo verlangt, ihn auch in der anderen romanischen Sprache verlangt. Sperare / esperar (hoffen) verlangt zum Beispiel im Italienischen / Spanischen den congiuntivo, nicht aber im Französischen (espérer). Creer / croire (glauben) verlangt im Spanischen / Französischen den indicativo, im Italienischen jedoch den congiuntivo (credere). Unabhängig davon aber, ob das jeweilige Verb den indicativo oder den congiuntivo verlangt, ist die chronologische Abfolge der Ereignisse korrekt wiederzugeben. Es ist also zu klären, ob sich das Befürchtete, Erhoffte, Berichtete, Gedachte etc. vorzeitig, gleichzeitig oder nachzeitig zu dem Zeitraum ereignet hat, an dem befürchtet, erhofft, berichtet oder gedacht wurde. Oder nochmal in Kürze anhand eines Beispiels.

a) Ich dachte, er wäre in die Schule gegangen.
b) Ich dachte, er würde in die Schule gehen.

Bei a) war der Eintritt des Ereignisses vorzeitig, bei b) gleich- oder nachzeitig. Das das Deutsche mit der chronologischen korrekten Darstellung der Zeiten ein paar Probleme hat und das im Alltag alles etwas durcheinander geht (für eine Vertiefung siehe oben genannten Link auf die www.franzosische-lehrbuch.de) ist unerheblich. In den romanischen Sprachen kann und wird, sieht man von den Verben ab, die den congiuntivo verlangen, dann kann zwischen Gleichzeitig und Nachzeitigkeit nicht mehr klar getrennt werden, die chronologische Abfolge der Ereignisse präzise geschildert.

Wir werden im Folgenden nicht mehr von der indirekten Rede sprechen, diese ist lediglich ein Sonderfall der Zeitenfolge. Auch wenn sie in allen Lehrbüchern als eigenes grammatikalisches Phänomen behandelt wird, weil die Autoren vom Deutschen ausgehen (wobei auch im Deutschen die Argumente für eine Sonderbehandlung schwach sind, weil es auch Verben der mentalen Durchdringung gibt, die den Konjunktiv verlangen), ist sie dies nicht. Ob ein Ereignis berichtet, erzählt etc. wird (indirekte Rede) oder gedacht, befürchtet, erhofft (Zeitenfolge) etc. ist egal. Im Hinblick auf die Schilderung des chronologischen Ablaufes ergibt sich keine Änderung. Zu unterscheiden ist lediglich zwischen den Verben, die den congiuntivo verlangen und den Verben, die den indicativo verlangen. Wenn wir im Folgenden von Verben der mentalen Durchdringung sprechen, meinen wir alle Verben, bei denen die Zeitenfolge zu berücksichtigen ist, unabhängig davon, ob jemand berichtet, was ein anderer berichtet, erzählt, gesagt hat (indirekte Rede) oder ob er berichtet, was ein anderer gedacht, befürchtet, gewünscht etc. hat.