Der Infinitiv (auf Italienisch infinito) ist die unbestimmte Form des Verbs, er ist, wie bereits öfter erwähnt, hinsichtlich der Zeit, der Person und des Modus unbestimmt. Das hat er mit dem gerundio und dem participio presente gemeinsam, weswegen man sie ja auch infinite Verbformen nennt. Wie man allerdings unmittelbar einsieht, ist die Tatsache, dass er unbestimmt ist, nicht besonders interessant. Wäre der einzige interessante Sachverhalt, den es über den Infinitiv zu berichten gibt, die Tatsache, dass er die Grundform eines Verbes darstellt, dann würden wir ihn hier gar nicht erwähnen. Wir gehen hier ausführlich auf ihn ein, weil er eine schier unendliche Fülle an Funktionen hat, im Deutschen wie im Italienischen.

Tendenziell besteht kein Unterschied zwischen dem italienischen infinito und dem deutschen Infinitiv. Im Detail jedoch sind die Unterschiede ganz erheblich. In beiden Sprachen kann der Infinitiv höchst, aber höchst unterschiedliche Funktionen haben (die Liste ist beispielhaft und nicht abschließend und des weiteren wird man über jeden einzelnen Punkt noch reden müssen, denn die konkrete Handhabung ist in der Regel im Italienischen nicht die Gleiche wie im Deutschen).

Beispiele
Er kann in beiden Sprachen Zwang ausdrücken
Ci sono ancora un sacco di cose da fare.
Es gibt noch viele Dinge zu erledigen.
(Es gibt noch viele Dinge, die wir erledigen müssen.)
Er steht in beiden Sprachen nach einem Modalverb
Voglio vederlo.
Ich will ihn sehen.
Er kann in beiden Sprachen substantiviert werden.
Nuotare è bene per la salute.
Schwimmen ist gut für die Gesundheit.
Er kann ihn beiden Sprachen einen Relativsatz ersetzen
Cerco qualcuno per giocare a tennis.
Ich suche jemanden zum Tennis spielen.
(Ich suche jemanden, mit dem ich Tennis spielen kann.)
Er kann ihn beiden Sprachen mit zahlreichen anderen Verben verbunden werden
Mi rifiuto di rispondergli.
Ich weigere mich, ihm zu antworten.
Er kann bestimmt Nebensätze verkürzen, zum Beispiel einen Finalsatz
Per vivere bene, si ha bisogno di un po' di soldi.
Um gut zu leben, muss man ein bisschen Geld haben.
(Damit man gut leben kann, muss man ein bisschen Geld haben.)

Wie wir das schon beim gerundio gesehen haben, kann das durch den Infinitiv beschriebenen Ereignis zu dem durch das finite Verb beschriebene Ereignis vorzeitig oder nachzeitig sein. Ist es vorzeitig, dann ist der infinito passato zu verwenden, bei Gleichzeitigkeit der infinito. Da der Infinitiv selbst in jeder Hinsicht unbestimmt ist, ist der Anker das finite Verb. Steht also das finite Verb in der Gegenwart, beschreibt der infinito passato die Vergangenheit, steht das finite Verb aber in der Vergangenheit, dann bezieht sich der infinito auf die Vorvergangenheit. Da des weiteren der Infinitiv auch kein explizit genanntes Subjekt hat, übernimmt er, in der Regel, das Subjekt des finiten Verbes.

Bei der Bildung des Infinitivs ist zu unterscheiden, ob er aktivisch, passivisch oder reflexiv verstanden werden soll und weiter ist zu unterscheiden, ob das Verb mit essere oder mit avere konjugiert wird. Vereinfacht ausgedrückt, alle Regeln bezüglich Reflexivpronomen (wird mit essere konjugiert, wird der participio passato flektiert), bezüglich des Passivs (beide Partizipien sind zu flektieren) und des zu wählenden Hilfsverbes (avere oder essere) sind zu berücksichtigen. Steht das Akkusativobjekt vor dem Partizip Perfekt, muss das Partizip Perfekt in Genus und Numerus mit eben diesem Akkusativobjekt übereinstimmen ("Ricordo di averlo visto",aber "Ricordo di averla vista"). Anzumerken bleibt noch, dass das finale -e von avere und essere entfällt.

aktivische Verwendung und Konjugation mit avere
bei Gleichzeitigkeit bei Nachzeitigkeit
mangiare aver mangiato
dormire aver dormito
studiare aver studiato
Deutsch: essen gegessen zu haben
aktivische Verwendung und Konjugation mit essere
bei Gleichzeitigkeit bei Nachzeitigkeit
andare essere andat(o/a/i/e)
partire essere partit(o/a/i/e)
arrivare essere arrivat(o/a/i/e)
Deutsch: ankommen angekommen zu sein
reflexive Verwendung
bei Gleichzeitigkeit bei Nachzeitigkeit
lavarsi essersi lavat(o/a/i/e)
vedersi essersi vist(o/a/i/e)
adattarsi essersi adattat(o/a/i/e)
sich gewöhnen sich gewöhnt zu haben
passivische Verwendung
bei Gleichzeitigkeit bei Nachzeitigkeit
essere vist(o/a) essere stat(o/a/i/e) vist(o/a/i/e)
essere lavat(o/a) essere stat(o/a/i/e) lavat(o/a/i/e)
essere convint(o/a) essere stat(o/a/i/e) convint(o/a/i/e)
überzeugt sein überzeugt worden zu sein

Achten Sie bei den Beispielen auf die Flexion des Partizips.

Beispiele
Crede di mangiare qualcosa di buono.
Er glaubt etwas Gutes zu essen.
Crede di aver mangiato qualcosa di buono.
Er glaubt etwas Gutes gegessen zu haben.