Da das Ying und Yang des Autors heute aus dem Gleichgewicht geraten ist, noch ein paar metaphysische Bemerkungen zum gerundio. Soweit erinnerlich, hat Ihnen der Autor schon mehrere Male mitgeteilt, dass es rechts oben einen Knopf gibt, da steht weiter.

Die mächtigste infinite Verbform der romanischen Sprachen, also des Italienischen, Spanischen und Französischen, ist das gerundio. Mit dem gerundio lassen sich viele Nebensätze zusammenfassen. Man versteht ohne weiteres, um was es geht, wenn man deutsche Sätze mit einer strukturgleichen, wenn auch grammatikalisch falschen (aber verständlichen!) Konstruktion zusammenfasst. Mit einem gerundio lassen sich bestimmte Typen von Nebensätzen zusammenfassen, die wir uns später noch genauer anschauen werden. Im Deutschen ließe sich, rein theoretisch, das Gleiche mit einem Partizip Präsens erreichen. Warum das praktisch nicht geht, werden wir noch sehen. Die Konstruktion wäre der italienischen Struktur ähnlich, ist auch verständlich, aber nicht üblich.

Übersicht
Kausalsatz (Das Ereignis des Hauptsatzes, ist die Konsequenz eines im Nebensatz beschriebenen Ereignisses)
richtig: Da er seine Arbeit verloren hatte, konnte er auch die Miete nicht mehr bezahlen.
verständlich, aber nicht möglich: Seine Arbeit verloren habend, konnte er die Miete nicht bezahlen.
Temporalsatz (Das Ereignis des Hauptsatzes ist zum Ereignis des Nebensatzes gleichzeitig)
richtig: Während er ihr zuhörte, beobachtete er die Kinder auf der Straße.
verständlich, aber nicht möglich: Ihr zuhörend, beobachtete er die Kinder auf der Straße.
Konditionalsatz (Das Ereignis des Hauptsatzes ist abhängig vom Eintritt der im Nebensatz beschriebenen Bedingung)
richtig: Wenn er mehr arbeiten und weniger reden würde, würde er die Arbeit heute beenden.
verständlich, aber nicht möglich: Mehr arbeitend und weniger redend, würde er die Arbeit heute beenden.
Konzessivsatz (Weist auf einen Gegensatz zwischen dem im Nebensatz beschriebenen Ereignis und dem Ereignis hin, das im Hauptsatz beschrieben wird)
richtig: Obwohl er reich war, war er nicht glücklich.
verständlich, aber nicht möglich: Reich seiend, war er nicht glücklich.

Sie wissen bereits, dass der Autor die Tendenz hat, Ihnen Dinge mitzuteilen, die Sie partout nicht wissen wollen. Der Autor findet aber, dass man sich die Frage stellen könnte, warum diese Konstruktionen im Deutschen nicht möglich sind. Die prinzipielle Antwort hierauf ist, dass mehr oder weniger willkürlich in manchen Sprachen Dinge nicht realisiert werden, obwohl das morphologische Material zur Verfügung steht. Der Deutsche realisiert zum Beispiel auch keine continuous form (die wir aus dem Englischen kennen), obwohl man es realisieren könnte.

I am eating an apple.
Ich bin essend einen Apfel.

Der Deutsche verwendet hier, also wenn es wesentlich darauf ankommt eine Handlung als sich im Prozess befindlich zu beschreiben, ein Adverb.

Ich esse gerade einen Apfel.

Sie finden also immer beides. Zum einen haben Sie das Phänomen, dass das morphologische Material zur Realisierung einer strukturgleichen Beschreibung der Welt nicht vorhanden oder wackelig ist (das ist zum Beispiel beim deutschen Konjunktiv der Fall), zum anderen haben Sie aber auch das Phänomen, dass das Material vorhanden ist, aber trotzdem in der einen Sprache anders als in der anderen konstruiert wird. Mit dem ersten Phänomen haben wir keine Probleme. Wenn das morphologische Material eine bestimmte Konstruktion nicht hergibt, dann geht es eben nicht. Wenn Sie nur Lehmziegel haben, können Sie eben keinen Wolkenkratzer bauen. Schwieriger ist der umgekehrte Fall. Das morphologische Material ist vorhanden, die eine Sprache könnte strukturgleich wie die andere konstruieren, tut es aber trotzdem nicht. Aus der Tatsache aber, dass die oben genannten Nebensätze sich im Deutschen nicht durch ein Partizip Präsens verkürzen lassen, man also nicht strukturgleich zum italienischen gerundio konstruieren kann, können Sie nun nicht schließen, dass das Teutonenhirn prinzipiell anders funktioniert, denn Sie hätten die italienische Struktur intuitiv auch dann verstanden, wenn der Autor diesen Schwall nicht vorangestellt hätte und Sie verstehen ohne weiteres die didaktisch motivierten Hilfskonstruktionen oben.

Was man über die italienische Struktur sagen kann ist, dass sie dem Gehirn mehr an Leistung abverlangt, die außersprachliche Wirklichkeit bekannt sein muss. Was im Italienischen über einen gerundio ausgedrückt wird, verlangt im Deutschen einen Nebensatz. Dieser wird über eine Konjunktion eingeleitet, welche die logischen Beziehungen zwischen Haupt- und Nebensatz offenlegt. Man kann jetzt natürlich Beispiele finden, wo der Nebensatz sich nicht durch das Partizip Präsens, bzw. im Italienischen durch den gerundio, verkürzen lässt, ohne dass der Satz zweideutig würde.

=> Wissend dass er nicht zu Hause ist, sind sie hingefahren.
a) Da sie wussten, dass er nicht zu Hause ist, sind sie hingefahren.
b) Obwohl sie wussten, dass er nicht zu Hause ist, sind sie hingefahren.

Der Unterschied zwischen a) und b) ist gewaltig. Bei a) sind sie hingefahren, weil sie wussten, dass er nicht zu Hause ist und haben die Bude ausgeraubt. Bei b) sind sie ohne böse Absichten hingefahren, eventuell in der Hoffnung, dass er noch auftaucht. Bei diesen, von irgendeinem Fitzliputzli an den Haaren herbeigezogenen Beispielen, wird diese Art von Konstruktion zweideutig, es bedarf einer sehr genauen Kenntnis des Kontextes, damit erschlossen werden kann, was eigentlich gemeint ist. Klar ist aber, dass bei dieser Art der Verkürzung eines Nebensatzes sich das Gehirn die logische Verknüpfung erschließen muss, wobei es in der Regel nur eine mögliche Interpretation gibt. Wie aber bereits öfter erwähnt, können Sie hieraus einen Schluss ziehen. Der reale Kontext wird beim Sprechen automatisch mitgedacht, das Gehirn denkt unsprachlich in realen Zusammenhängen. Wenn Sie wollen können Sie hier noch einen weiteren Schluss ziehen. Es gibt ja so Gebrabbel von verbeamteten professoralen Geistlichen. Die werden dafür bezahlt, Sprache und sprachliche Vielfalt und Tralala ganz wichtig zu finden. Die haben dann immer so nette Sprüche von der sprachlichen Vielfalt Europas etc., meist weil sie sich darüber ärgern, dass Englisch zur weltweiten lingua franca geworden ist, wobei sie aber durch ihr unendlich pedantisches Gebrabbel selber einen Beitrag leisten, Sprache zu einer höchst langweiligen Sache zu machen. Eine andere Spezie hat dann so Behauptungen, dass man Sprache braucht, um präzise zu denken und alles mögliche in der Art. Nüchtern betrachtet, ist das Gehirn ein Apparat, der reichlich sprachlos funktioniert. Sie sehen das unter anderem auch daran, dass das Gehirn zum Beispiel die exakte Bedeutung eines Gerundios aufschlüsseln kann, weil es den Kontext mitdenkt, unsprachlich. Aussagen der Art, dass irgendwelche Sprachen das logische Denken fördern würden, das behaupten ja immer Lateinlehrer, sind Mumpitz. Das Gehirn arbeitet primär unsprachlich, vergleicht die Realität mit der sprachlichen Beschreibung derselben und interpretiert sprachlichen Input anhand seiner Kenntnisse über die Realität, wobei die Vorstellungen über die Realität dominieren. Nur wenn die realen Beziehungen nicht bekannt oder schwer zu fassen sind, dominiert die Sprache. Das Spannungsfeld zwischen Sprache und Wirklichkeit ist auf jeden Fall weit komplizierter, als sich die Lateinlehrer, die in den Schulen ihr Unwesen treiben, sich das so vorstellen. Wer meint in der Sprache die wesentliche Voraussetzung für eine adäquate Erfassung der Welt sehen zu müssen, in der Sprache eine Voraussetzung zur Erkenntnis sehen will, ist eigentlich ein lächerlicher Spießer, so lächerlich, dass er diese Verse von Rainer Maria Rilke nicht verstehen wird.

Wir sind nur Mund. Wer singt das ferne Herz,
das Heil inmitten aller Dinge weilt?
sein großer Schlag ist in uns eingeteilt
in kleine Schläge und sein grosser Schmerz
ist, wie sein grosser Jubel, uns zu gross.
so reissen wir uns immer wieder los
und sind nur Mund. Aber auf einmal bricht
der grosse Herzschlag heimlich in uns ein,
so dass wir schrein -,
und sind dann Wesen, Wandlung und Gesicht.

Mit den letzten Versen von Rainer Maria Rilke sind wir dann endlich bei unserem eigentlichen Thema angelangt, dem italienischen gerundio, mit dem wir uns jetzt befassen.